Der europäische Erfinderpreis 2017

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„Es gibt nichts Neues mehr. Alles, was man erfinden kann, wurde bereits erfunden“,1  meinte im Jahr 1899 Charles H. Duell, Chef des amerikanischen Patentamts. Hätte Duell mit seiner Einschätzung Recht gehabt, wäre seine Behörde im Prinzip überflüssig geworden. Glücklicherweise irrte er. Die Menschen blieben und sind immer noch innovativ, ihr Wille zu forschen und ihr Streben nach technischen Verbesserungen sind ungebrochen. Die seit Jahren international steigenden Patentanmeldezahlen zeugen von dieser Innovationskraft und bescheren den Patentämtern kontinuierlich neue Arbeit, wie die nachfolgende Graphik (Abb. 1) der Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt (EPA) eindrucksvoll zeigt.2

 

 

 

 

Abbildung 1: Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt (EPA) in den Jahren 2007 bis 2016, © FIZ Karlsruhe
Abbildung 1: Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt (EPA) in den Jahren 2007 bis 2016, © FIZ Karlsruhe

Das europäische Patentamt ehrt einige dieser erfinderischen Höchstleistungen jedes Jahr mit dem europäischen Erfinderpreis.3  Der Preis geht an Erfinder, die mit ihren innovativen Lösungen unseren Alltag erleichtern. Durch die medienwirksame Vergabe des Preises gelingt es zudem, diese Ideen bzw. Produkte einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen und die Erfinder selbst aus der Abgeschiedenheit ihrer Forschungsstätten ins Rampenlicht zu holen. Eine unabhängige Jury bewertet die zum Patent angemeldeten Innovationen in den Kategorien Industrie, Forschung, Nicht-EPA4-Staaten, kleine und mittelständige Unternehmen sowie Lebenswerk. Für die Jury ist ausschlaggebend, ob die Erfindung zum technischen sowie gesellschaftlichen Fortschritt beiträgt, den Wohlstand in Europa sichert und Arbeitsplätze schafft. In jeder Kategorie werden drei Erfinder nominiert, sie sind die sogenannten Finalisten. Der Sieger in jeder Kategorie wird in diesem Jahr am 15. Juni in Venedig bekannt gegeben.


Der Finalist

Beispielhaft soll hier ein Erfinder aus der Kategorie kleine und mittlere Unternehmen vorgestellt werden. Günther Hufschmid ist einer der drei diesjährigen Finalisten in dieser Kategorie. Die Geschichte seiner Erfindung ist geprägt durch einen Zufall, aber erst genaues Hinsehen führte zu der wirklichen Entdeckung. Günther Hufschmid ist Chemiker und leitet ein mittelständiges Unternehmen in Elsteraue in Sachsen-Anhalt. Seine Firma Deurex hat sich auf die Herstellung von Wachsen für Farben und Lacke spezialisiert. Im Jahr 2010 passierte ein folgenschwerer Fehler. Ein Mitarbeiter hatte versehentlich die Werte für Druck und Temperatur vertauscht und diese in eine Produktionsmaschine eingegeben. Die Maschine lief über Nacht mit den falschen Parametern und produzierte bis zum Morgen zehn Tonnen eines wollähnlichen, faserigen Stoffs, der sich überall in der Werkshalle ausgebreitet hatte. Günther Hufschmid war entsetzt und begann mit der Fehlersuche, gleichzeitig aber war er besonnen genug, das neue Wollprodukt nicht direkt als Müll zu entsorgen.


PURE, der Superschwamm

Abbildung 2: Nahaufnahme von PURE, dem ölbindenden Material, © DEUREX AG
Abbildung 2: Nahaufnahme von PURE, dem ölbindenden Material, © DEUREX AG

Etwa zeitgleich passierte ein schwerer Unfall auf der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexico. Die Bilder der enormen Meeresverschmutzung durch austretendes Öl gingen um die Welt. Und genau diese Bilder waren es, die Günther Hufschmid auf eine Idee brachten. Er wollte wissen, ob das irrtümlich hergestellte Wollprodukt möglicherweise Öl aufsaugen konnte. Und tatsächlich zeigte das voluminöse Material genau diese Eigenschaft, es saugte das Öl auf wie ein Schwamm. Ein Kilogramm dieses wollartigen Bindemittels kann so sechs Liter Öl binden. Das ist ca. ein Drittel mehr als es ein herkömmliches Bindemittel schafft. Mittlerweile hat sich Günther Hufschmid seine Entdeckung patentieren lassen5 und seine Firma vertreibt das Bindemittel unter dem Produktnamen DEUREX PURE. Neben der vorzüglichen Saugkraft von PURE hat das Material einen weiteren Vorteil: Es ist wasserabweisend und schwimmt auf der Wasseroberfläche, daher kann es problemlos wieder eingesammelt werden, wenn es seinen Dienst getan hat. Nach dem Reinigungseinsatz wird PURE einfach wieder von dem absorbierten Öl befreit und kann erneut eingesetzt werden. PURE wird schon jetzt bei der Reinigung von Gewässern eingesetzt, ebenso kommt es in Windrädern zum Einsatz und verhindert dort, dass das Schmieröl der Turbinen sich mit Regenwasser vermischt. Für die Zukunft plant Günther Hufschmid eine schwimmende Produktionsstätte, sodass PURE direkt dort, wo es gebraucht wird, z.B. an Bord eines Schiffs, am Einsatzort hergestellt werden könnte.


Innovation, ein komplexer Vorgang

Günther Hufschmid ist ein Beispiel dafür, dass eine Innovation nicht gradlinig verlaufen muss. Sie ist das Resultat eines komplexen Vorgangs, bei dem manchmal auch ein bisschen Glück im Spiel ist. Und: Gelassenheit ebenso wie Risikobereitschaft - so hat Günther Hufschmid das fehlerhafte Produkt erst einmal aufbewahrt, wo andere es direkt weggeworfen hätten. Er schaute über den „Tellerrand“ seines Unternehmens  und interessierte sich neben seiner Hauptbeschäftigung, der Herstellung von Wachsen, auch für andere Problemstellungen. Aufgrund des aktuellen Anlasses von Deepwater Horizon fragte er sich: wie können die Folgen einer Ölkatastrophe effektiv beseitigt werden? Und schlussendlich kombinierte er gedanklich zwei Dinge, die auf den ersten Blick nicht viel miteinander zu tun hatten, das wollartige Produkt seiner fehlerhaften Produktion und die Ölkatastrophe. Er ließ testen, ob die Wolle möglicherweise Öl aufsaugen konnte und bewies damit Mut, Neues auszuprobieren. Dazu gehört auch das Risiko, dass seine Idee am Ende scheitern könnte. Und genau das umfasst die Ehrung durch den Europäischen Erfinderpreis: eine Denkkultur, die auch das Scheitern zulässt.


Text und Recherche: Dr. Babett Bolle

 

 

 

Fußnoten
1 en.wikipedia.org/wiki/Charles_Holland_Duell (zuletzt überprüft am 31.05.2017).
2 www.epo.org/about-us/annual-reports-statistics/annual-report/2016/download-centre_de.html (zuletzt geprüft am 31.05.2017).
3 Den europäischen Erfinderpreis gibt es seit 2006, bis einschließlich 2009 hieß der Preis European Inventor of the Year Award.
4 Nicht-EPA-Staaten sind Staaten außerhalb der europäischen Union.
5 DE102010022437.