Gedöns und Weiberkram

Am 8. März ist der internationale Frauentag. Für uns eine gute Gelegenheit an einige herausragende Leistungen von Frauen in Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu erinnern.


Abbildung 1: Plakat zum Frauentag 1914 mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Quelle: Wikimedia/Karl Maria Stadler, gemeinfrei.
Abbildung 1: Plakat zum Frauentag 1914 mit der Forderung nach dem Frauenwahlrecht. Quelle: Wikimedia/Karl Maria Stadler, gemeinfrei.

Frau und Politik

Politisch gesehen war das Jahr 1918 für Frauen in Deutschland ein wichtiges Jahr, denn sie erhielten das passive und aktive Wahlrecht. Zuvor hatten bereits einige skandinavische Länder, Russland im Jahre 1917, diesen Schritt getan, andere europäische Länder folgten bald. Vorangegangen waren zahlreiche Demonstrationen und Veranstaltungen in Europa und den USA, auf denen Frauen ihr Wahlrecht und ihre Bürgerrechte massiv und öffentlichkeitswirksam einforderten. Die Deutsche Digitale Bibliothek (DDB) gewährt einen einfachen Zugang zu digitalen Zeugen dieser Zeit. Eine Suche mit dem Schlagwort „Frauenwahlrecht“ in der DDB führt zu einer Vielzahl interessanter und aufschlussreicher Dokumente, wie zum Beispiel das Flugblatt zum Frauenwahlrecht von 1913, verfasst von Clara Zetkin.1

 

 


Deutsche Digitale Bibliothek - Kultur und Wissen online

Wer mehr Fundiertes über das Frauenwahlrecht in Deutschland erfahren möchte, dem sei hier eine Suche in der DDB empfohlen. Die Deutsche Digitale Bibliothek liefert eine Vielzahl von Suchergebnissen zum Thema Frauenwahlrecht. Eine einfache Suche eröffnet den Zugang zu Flugblättern, Plakaten und Schriften, die den Kampf der Frauen für ihr Wahlrecht dokumentieren. Durch das gezielte Setzen von Filtern kann die Treffermenge nach Interesse weiter eingeschränkt werden. FIZ Karlsruhe ist Partner im Kompetenznetzwerk der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) und gleichzeitig deren technischer Betreiber.
 
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Genau 100 Jahre gibt es nun das Wahlrecht für Frauen in Deutschland, und doch erleben Frauen in der Politik bis heute Herabsetzungen. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist die Bemerkung des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder anlässlich der Vereidigung seines ersten Bundeskabinetts2 im Oktober 1998, bei der er über das Aufgabenfeld von Christine Bergmanns3 sagte: „Frau Bergmann ist zuständig für Frauen und das ganze andere Gedöns.“4


Frau und Mathematik

Immer wieder werden die Leistungen von Frauen kleingeredet, missachtet oder als Gedöns abgetan. Nicht Beiseitezuschieben ließen sich die herausragenden Leistungen der früh verstorbenen iranischen Mathematikerin Maryam Mirzakhani.5 Als bisher erste und einzige Frau wurde sie 2014 mit der renommierte Fields-Medaille ausgezeichnet. Diese Medaille gilt als höchste Auszeichnung in der Mathematik - und doch taten sich die religiösen Autoritäten in ihrem Heimatland Iran schwer mit der uneingeschränkten Würdigung ihrer Landestochter, denn auf den Pressefotos anlässlich der Verleihung trug sie kein Kopftuch, wie es für alle Frauen im Iran vorgeschrieben ist. Maryam Mirzakhanis Forschungsthemen, der zeitliche Verlauf ihrer Forschungsaktivitäten und die Zitierungen ihrer Werke können im dem Autorenprofil in zbMATH6 online nachgeschaut werden. Ebenso enthält das Autorenprofil die interaktive Wikidata Timeline, wie auch in Abbildung 2 teilweise zu sehen ist.

 

 

Abbildung 2: Ausschnitt aus dem Autorenprofil von Maryam Mirzakhani aus zbMATH
Abbildung 2: Ausschnitt aus dem Autorenprofil von Maryam Mirzakhani aus zbMATH

zbMATH ist der führende Informationsservice für die mathematische Forschung, es werden dort vernetzte mathematische Informationen z. B. über Literatur, Autoren, Referenzen oder auch Software zur Verfügung gestellt. Mit einer Recherche in zbMATH lassen sich typische Informationen, die Mathematiker benötigen, zielsicher, genau und umfassend finden. Das sind neben den klassischen themenbezogenen Recherchen mit Stichwörtern auch Informationen, die einzelne Autoren betreffen. Sie sind sehr übersichtlich und graphisch aufgearbeitet im Autorenprofil zusammengefasst. Zurzeit sind ca. 992.000 Autoren in zbMATH erfasst. Die Dokumente sind mit den Klassifikationsklassen der Mathematics Subject Classification (MSC) indexiert. Herausgegeben wird zbMATH gemeinsam von FIZ Karlsruhe, der European Mathematical Society und der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Die Datenbank wird vom Springer Verlag vertrieben.

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Frau und Forschung

Forschung und Innovationen gehen Hand in Hand. Laut den jüngsten Daten der Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO7 sind heute Frauen an 30,5 Prozent8 der über die Organisation eingereichten internationalen Patentanmeldungen als Erfinderinnen beteiligt. Dass knapp ein Drittel der internationalen Schutzrechte von Frauen stammt, ist nicht selbstverständlich und der Weg dorthin ist eine Geschichte voller Hindernisse und bedurfte vieler kleiner Schritte. Lange Zeit war Frauen die Zulassung an einer Universität und damit der Zugang zur Forschung verwehrt. 1896 bestanden die ersten Frauen die Abiturprüfung am Berliner Luisengymnasium, den Einzug an eine Universität bedeutete das aber noch nicht. Die Möglichkeit eines Studiums eröffnete sich für Frauen in Deutschland erst langsam seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Vorreiter war hier das Großherzogtum Baden, das per Erlass im Jahr 1900 Frauen als Studierende an seinen Universitäten erlaubte, Preußen folgte 1908.9

Die Hochschulzulassung war nur die erste Hürde, die bildungswillige Frauen überwinden mussten. Es galt in einer männerdominierten Welt zu bestehen und sich seinen Platz in Forschung und Lehre zu erkämpfen. Ein starker prozentualer Anstieg weiblicher Studenten an deutschen Hochschulen wurde in der Zeit des zweiten Weltkriegs verzeichnet, wie auch in der Graphik in Abbildung 3 zu sehen ist. Indirekt hatte der Krieg einen „positiven Einfluss“ und bewirkte, dass Frauen in dieser Zeit tatsächlich bis zu 45 Prozent der Studierenden ausmachten, denn ihre männlichen Kommilitonen wurden als Soldaten für den Krieg gebraucht und aus den Universitäten abgezogen. Absolut gesehen war die Zahl der Studentinnen aber immer noch sehr klein. Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs nahm die Zahl der immatrikulierten Frauen langsam Fahrt auf und steigerte sich kontinuierlich. Aktuell beträgt der Frauenanteil an Universitäten ca. 50 Prozent, wobei die sogenannten MINT10-Fächer durchschnittlich immer noch einen geringeren Frauenanteil haben. Aber es sind gerade diese Studiengänge, die die zukünftigen Erfinderinnen hervorbringen.

Abbildung 3: Graphik des Anteils der Studentinnen in Deutschland von 1909 bis 2017. Quelle: CEWS (Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung). [11] Für die Jahre 1940 sowie 1944-1946 liegen keine Zahlen vor.
Abbildung 3: Graphik des Anteils der Studentinnen in Deutschland von 1909 bis 2017. Quelle: CEWS (Kompetenzzentrum Frauen in Wissenschaft und Forschung). Quelle: www.gesis.org/cews/unser-angebot/informationsangebote/statistiken/.[11] Für die Jahre 1940 sowie 1944-1946 liegen keine Zahlen vor.

 

Als renommiertes Beispiel einer innovativen Frau aus den frühen Zeiten wird gerne Melitta Bentz genannt. Sie erfand den Kaffeefilter und lieferte mit ihrem Vornamen gleich den dazu passenden Markennamen „Melitta Kaffeefilter“. Das Patent dazu meldete sie im Jahr 1908 beim Berliner Patentamt an und gründete im selben Jahr die nach ihr benannte Firma. Melitta Bentz konnte im damaligen Windschatten einer erstarkten Frauenrechtsbewegung freier agieren als es die Generationen von Frauen vor ihr vermochten und sie nutze diese Chance mit wirtschaftlichem Gespür. Heute ist die Melitta-Group12 ein weltweit agierendes Unternehmen. Und doch war ihre Erfindung eine glückliche Idee im Kontext von Küche und Kochen, also typisch Weiberkram. Heim und Herd waren eine der wenigen Domänen, die Frauen in der Zeit um 1900 zugestanden wurde.

 

Heutige, von Frauen angemeldete Patente, finden sich in allen technischen Bereichen der Wissenschaft. Die nachfolgende Idee stammt von einer jungen Erfinderin aus Uruguay und beschäftigt sich mit intelligenter Viehwirtschaft. Lateinamerikanischen Viehfarmern kann diese Erfindung von Victoria Alonsopèrez den Berufsalltag sehr erleichtern, denn in die südamerikanischen Prärien mit ihren riesigen Viehherden zieht die Digitalisierung ein.

Abbildung 4: Patentzeichnung aus dem Patent US20140121558 von Victoria Alonsopèrez
Abbildung 4: Patentzeichnung aus dem Patent US20140121558 von Victoria Alonsopèrez

Ihre Idee ist ein Informationssystem, das auf Rinderbarone zugeschnitten ist. Jedes Rind einer Herde bekommt einen autonom arbeitenden Sender (Halsband), der individuelle Identifikation, geographischer Standort des Tieres und seine Lebensfunktionsdaten, wie z.B. Temperatur an einen Server sendet. So kann in Echtzeit die Gesundheit und das Bewegungsverhalten jedes einzelnen Rinds erfasst und kontrolliert werden, wenn nötig kann der Farmer gezielt eingreifen. Der Ausbruch von Rinderseuchen lässt sich mit diesen Informationen frühzeitig stoppen, indem erkrankte Tiere von der Herde getrennt werden können. Viehdiebstahl wird schneller bemerkt und kann so im besten Fall sogar verhindert werden. Das System trägt den Markennamen CHIPSAFER,13 das von Victoria Alonsopèrez gegründete Start-up-Unternehmen heißt ieetech.


Wer hätte vor 100 Jahren gedacht, dass sogar in die Männerwelt der lateinamerikanischen Gauchos die Erfindung einer Frau erfolgreich Einzug hält?! Was mit den ersten Frauen an Universitäten begann, ist eine Erfolgsgeschichte der Frauen in der Forschung, allen politischen und gesellschaftlichen Hindernissen zum Trotz.


Text und Recherche: Dr. Babett Bolle


Fußnoten
1 Clara Zetkin (5.7.1857 – 20.6.1933), sozialistische deutsche Politikerin, Friedensaktivistin und Frauenrechtlerin.
2 Das erste Bundeskabinett Gerhard Schröders regierte vom 27. Oktober 1998 bis zum 22. Oktober 2002.
3 Christine Bergmann, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Bundeskabinett (1998-2002).
4 Niedersächsisches Landtagsdokumentationssystem, Plenarprotokoll 16/148 07.11.2012, S. 19327.
5 Maryam Mirzakhani, iranische Mathematikerin (03.05.1977-14.07.2017).
6 zbmath.org/authors/.
7 englisch WIPO für World Intellectual Property Organization.
8 www.wipo.int/women-and-ip/en/ zuletzt geprüft am 08.02.2018.
9 de.wikipedia.org/wiki/Frauenstudium_im_deutschen_Sprachraum zuletzt geprüft am 15.2.2018.
10 MINT steht für Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Naturwissenschaften und Technik
11 www.gesis.org/cews/unser-angebot/informationsangebote/statistiken/
12 www.melitta-group.com.
13 www.chipsafer.com