Luther, der Übersetzungs-Superstar

Abbildung 1: Martin Luther, 1529, Werkstatt Lucas Cranach der Ältere, Öl auf Holz
Abbildung 1: Martin Luther, 1529, Werkstatt Lucas Cranach der Ältere, Öl auf Holz

Der Überlieferung nach hämmerte Martin Luther1 am letzten Oktobertag des Jahres 1517 seine kirchenreformatorischen 95 Thesen an das Portal der Schlosskirche in Wittenberg. Er löste damit einen erdbebengleichen heftigen kirchenpolitischen Streit aus. 1521 wurde Luther auf dem Reichstag in Worms aufgefordert, seine Thesen zu widerrufen. Er widersetzte sich und wurde nach Kirchenbann und Reichsacht fortan nicht nur vom Papst, sondern auch vom Kaiser gesucht. Um der Verfolgung zu entgehen, tauchte der Reformator unter. Der sächsische Kurfürst Friedrich der Weise ermöglichte ihm, als Junker Jörg getarnt, Unterschlupf auf der Wartburg in Eisenach zu finden. Dort, zum Nichtstun und Abwarten verdammt, übersetzte er das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche. Eine Bibelübersetzung - das klingt zwar nach einer sinnstiftenden Beschäftigung für einen arbeitslosen Theologen, hat aber zunächst nicht viel Spektakuläres. Und trotzdem: unter anderem diese Bibelübersetzung sollte Luther zum Star seiner Zeit machen. Die Luther-Bibel auf Deutsch verbreitete sich dank des Buchdrucks schnell und machte ihn berühmt.


Deutsche Digitale Bibliothek - Kultur und Wissen online

...wer mehr Fundiertes über Martin Luther erfahren möchte, dem sei hier eine Suche in der DDB empfohlen. Die Deutsche Digitale Bibliothek  liefert eine Vielzahl von Suchergebnissen zum Thema Martin Luther. Eine einfache Suche eröffnet den Zugang zu Schriften, Büchern, Bildern und Audiodateien von Kirchenliedern des berühmten Reformators. Durch das gezielte Setzen von Filtern kann die Treffermenge dann nach Interesse weiter eingeschränkt werden. Viele dieser Treffer sind Digitalisate und können von der ersten bis zur letzten Seite online geöffnet und gelesen werden. FIZ Karlsruhe ist Partner im Kompetenznetzwerk der Deutschen Digitalen Bibliothek (DDB) und gleichzeitig deren technischer Betreiber.
 
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Die Kunst der Übersetzung

Heutige Besucher der Wartburg werden gerne auf einen Fleck an der Wand im ehemaligen Arbeitszimmer Luthers hingewiesen. Der Legende nach soll Luther bei den Übersetzungsarbeiten der Teufel erschienen sein. Um Satan zu vertreiben, bewarf ihn der Theologe mit seinem Tintenfass und traf dabei die Wand. Es bleibt dahingestellt, ob dieser Wurf aufgrund religiösen Eifers oder Überarbeitung geschah. Sicher ist, bei einer guten und professionellen Übersetzung handelt es sich um eine qualitativ hochanspruchsvolle Arbeit, die viel Know-how und Erfahrung voraussetzt. Da kann es schnell zu Überarbeitung und in deren Folge auch zu unbeherrschten Handlungen kommen.

Ein guter Übersetzer muss die Sprachen sicher beherrschen und viel über die jeweiligen Kulturkreise wissen. Es reicht nicht Vokabeln zu lernen, auch die intensive Beschäftigung mit dem sprachlich-kulturellen Umfeld ist ein Muss. Damals erkannte Luther: „Wirklich übersetzen heißt: etwas, das in einer andern Sprache gesprochen ist, seiner Sprache anpassen2.“ Er brachte damit zum Ausdruck, dass eine exakte wörtliche Übersetzung niemals den genauen ursprünglichen Sinngehalt wiedergeben kann.


Übersetzungen à la Babelfish & Co

In der heutigen globalisierten Welt, in der Handel, Wirtschaft und Forschung länder- und sprachübergreifend den Erdball umspannen, ist eine gute Verständigungsgrundlage außerordentlich wichtig. Eine Einheitssprache existiert nicht, wenngleich Englisch oft im internationalen Umfeld die Grundlage für die Verständigung bildet. Gute und schnelle Übersetzungen sind trotzdem an vielen Stellen vonnöten. Aber wie wird heutzutage übersetzt, welche Entwicklung gibt es in diesem Bereich? Werden Übersetzungen bald ausschließlich von Computern gemacht? Auf Knopfdruck und in Sekunden? Wie entwickeln sich die Forschungsaktivitäten auf dem Gebiet der Übersetzungs-Apps und Übersetzungssoftware? Eine Recherche in dem Informationsservice STN soll Antworten auf diese Fragen liefern. Die Recherche wurde in der Patentdatenbank Derwent World Patent Index (DWPI) durchgeführt, die Suchstrategie beruht auf einer Schlagwortrecherche, kombiniert mit relevanten IPC3-Klassen.

 

 

STN ist ein Informationsservice für Forschungs- und Patentinformation. Es bietet, auf einer neutralen Plattform gebündelt, den Online-Zugriff auf qualitativ hochwertige Datenbanken. Ein inhaltlicher Schwerpunkt von STN liegt bei der Patentinformation. In Kombination mit den hoch entwickelten Funktionalitäten in Retrieval, Analyse und Visualisierung, gewährleistet STN präzise Recherchen und aussagestarke Analysen der Suchergebnisse. Aus diesem Grund nutzen Informationsspezialisten in Industrieunternehmen und Patentämtern bevorzugt STN.
 
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Übersetzungssoftware ist (noch) keine Star-Technologie

Abbildung 2: Patentpublikationen (PY.B) weltweit im Bereich Übersetzungssoftware in den Jahren 2000 bis 2016 © FIZ Karlsruhe
Abbildung 2: Patentpublikationen (PY.B) weltweit im Bereich Übersetzungssoftware in den Jahren 2000 bis 2016 © FIZ Karlsruhe

Die Zahl der Patentpublikationen ist über den betrachteten Zeitraum (Siehe Abb. 2) nicht nennenswert angestiegen, sondern scheint sich eher auf einem bestimmten Niveau einzupendeln. Das Interesse an diesem Technologiebereich ist unverkennbar, allerdings mit wahrnehmbaren Schwankungen. Einen Durchbruch der Forschungsaktivitäten, belegbar anhand stark steigender Patentveröffentlichungen, kann bisher nicht nachgewiesen werden (die Daten der Analyse wurden in einer Patentrecherche in STN im Juni 2017 erhoben). Die Tendenz der Jahre 2012-2016 zeigt, dass die Patentanmeldungen im Bereich der Übersetzungssoftware auch zukünftig auf hohem Niveau sein werden.


Grauzone des Patentrechts

Allerdings gibt bei der Auswertung einen Unsicherheitsfaktor. Es ist möglich, dass manche Software-Entwicklungen gar nicht in der Patentstatistik auftauchen, denn Software-Patente liegen in einer patentrechtlichen Grauzone. Das Europäische Patentamt (EPA) akzeptiert Softwarepatente nur dann, wenn damit technische Probleme gelöst werden, also wenn beispielsweise ein durchdachter Algorithmus ein Teil innerhalb eines technischen Prozessen optimal steuert. In Zweifelsfällen landen die eingereichten Softwarepatente vor einer Beschwerdekammer des Amts und können dort bestätigt oder zurückgewiesen werden. Das Deutsche Patentamt (DPMA) folgt dieser Rechtsauffassung weitestgehend. Dagegen erteilt das US-amerikanische Patentamt (USPTO) in der Regel Patente auf Software ohne Einschränkungen.


Künstliche Intelligenz und Übersetzungen gehen Hand in Hand

Erwartungsgemäß haben sich bekannte Software-und IT-Unternehmen mit dem Thema Übersetzungssoftware beschäftigt, allen voran IBM. Der amerikanische Konzern ist in letzter Zeit besonders durch starkes Werben für sein Produkt IBM Watson4 aufgefallen. IBM Watson ist ein Computerprogramm aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz. Es soll, glaubt man IBM, mit Menschen in ihrer Sprache kommunizieren können. Watson erkennt und versteht an ihn gerichtete mündliche Fragen. Für die passenden Antworten durchsucht das Programm riesige Datenmengen, wobei es Sprache und deren Sinn erfasst und versteht. Neben Textquellen kann Watson auch Bilder und Videos als Datenquelle auswerten. Watson soll in der Lage sein, mit diesen Informationen auch Bewertungen und Analysen vorzunehmen bzw. Hypothesen zu erarbeiten. Außerdem lernt das Programm beständig durch die Interaktion mit seinem Benutzer hinzu und passt sich ihm und seiner Sprache an. Ein Anwendungsbeispiel liefert IBM auf seiner Homepage5:  Im Gesundheitswesen soll der Arzt durch Watson leichter und schneller eine treffende Diagnose stellen können. Dabei berichtet der Arzt die Symptome des Patienten, Watson „hört“ und „versteht“ sie. Danach „liest“ das Programm in der Fachliteratur und „selektiert“ die relevante Literatur. Auch die aktuellsten Medizinveröffentlichungen werden einbezogen. Resultat ist ein Diagnosevorschlag, der evidenzbasiert und hoch aktuell ist. IBM versucht mit Watson einen intelligenten wissenschaftlichen Assistenten zu erschaffen. Eine Übersetzungssoftware ist die Grundlage für Watsons kluge Antworten. Kein Wunder also, wenn sich IBM auf Platz eins unter den Patentanmeldern findet. Zurzeit beherrscht Watson sieben Sprachen6, weitere werden folgen.

Abbildung 4: die zehn führenden Patentanmelder im Gebiet der Übersetzungssoftware © FIZ Karlsruhe
Abbildung 4: die zehn führenden Patentanmelder im Gebiet der Übersetzungssoftware © FIZ Karlsruhe

Menschliche Übersetzungen noch nicht „out“

Auf den ersten Blick steht es also nicht gut um den Berufsstand des Übersetzers. Computer sind dabei, diesen Arbeitsbereich zu übernehmen. Es scheint, dass eine Übersetzung, wie Martin Luther sie leistete, heute sehr schnell von Computern erledigt werden kann. Doch hier ist Vorsicht geboten: ganz so weit ist die Bedeutungslosigkeit der menschlichen Übersetzungsleistung noch nicht vorangeschritten. Es gibt Texte, die in ihrer Komplexität nur ungenügend von einer Übersetzungssoftware erfasst werden. In diesen Bereich gehören zum Beispiel Patentschriften, und das hat einen Grund. Patentanwälte- und andere Fachleute in diesem Bereich beherrschen die hohe Kunst der komplizierten Patentsprache. In ihrem Bemühen, eine technische Erfindung im Text zu tarnen und doch gleichzeitig exakt zu beschreiben, werden sie sehr kreativ. So kann in einer Erfindungsbeschreibung eine Tasse als „eine zylindrische Einrichtung zum Aufnehmen von Flüssigkeiten“ beschrieben werden. Der Aussagegehalt dieser Beschreibung stimmt, und doch verwirrt es den ungeübten Leser. Derartig trickreiche Formulierungen sollen die eigenen technischen Erfindungen für die Konkurrenz schwer auffindbar machen. Eine professionelle Recherche in Patentdatenbanken muss diese sprachlichen Kniffe in den Patentschriften berücksichtigen. Auch Übersetzungen müssen den Sinngehalt derartig formulierter Patenttexte erfassen und wiedergeben können. Das kann nur, wer mitdenkt und wirklich versteht. Bisher sind Computerübersetzungen von Patenttexten nicht ausreichend. Sie liefern allenfalls grobe Hinweise auf die Erfindung und können nur einen ersten Eindruck von der patentierten Technologie verschaffen.


AutoDoc liefert menschliche Patentübersetzungen

Das wäre ausreichend, wenn Patente unbedeutende Informationen enthielten und es daher bei einer Übersetzung nicht so darauf ankäme. Genau das Gegenteil ist aber der Fall. In Patentschriften findet sich das aktuellste technische Wissen, und oft gibt es nur diese Patentpublikation als einzige Veröffentlichungsquelle. Patent-Erstanmeldungen werden häufig zunächst in den jeweiligen Sprachen der nationalen Patentämter eingereicht. Das wirtschaftliche Erstarken einer Vielzahl von asiatischen Ländern hat dazu geführt, dass es eine große Anzahl asiatischer Patentveröffentlichungen gibt. Sie sind in den jeweiligen Landessprachen geschrieben und müssen ins Englische übersetzt werden. Das erhöht den Bedarf an qualifizierten Übersetzungen im Patentwesen. An dieser Stelle bietet AutoDoc eine maßgeschneiderte Lösung. Der Dokument-Lieferservice von FIZ Karlsruhe bietet seit dem ersten September 2016 einen neuen Service an. Die neue Dienstleistung umfasst eine Patentübersetzung ins Englische durch professionelle menschliche Übersetzer innerhalb von drei Tagen zu einem Festpreis. Partner von AutoDoc ist das holländische Unternehmen Scipat BV. Angebotene Sprachen für Patentübersetzungen sind zum Beispiel Arabisch, Chinesisch, Japanisch, Koreanisch, Russisch, Thailändisch und Vietnamesisch.

Also, eine momentane Entwarnung für den klassischen Übersetzer à la Luther. Noch kann die Übersetzungsleistung von Menschen nicht vollständig durch Computerprogramme ersetzt werden, es gibt Nischen. Aber das muss nicht so bleiben, denn diese Software aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz lernt beständig hinzu und der Vorsprung des menschlichen Übersetzers schmilzt. Neuestes Beispiel ist DeepL, eine Übersetzungssoftware entwickelt von einem kleinen Start-up-Unternehmen aus Köln. Die Qualität dieser Maschinenübersetzungen mit DeepL ist bemerkenswert.

Und Luther, der Übersetzungs-Superstar, was hätte er wohl getan, wenn er eine Übersetzungssoftware zur Verfügung gehabt hätte?! Vermutlich hätte er sie benutzt und den Text in der Endfassung hier und da selbst ein wenig nachgebessert. Auf alle Fälle wären dadurch seine Arbeitstage auf der Wartburg entspannter gewesen und es wäre vermutlich zu keinem Tintenfasswurf gekommen.


Text und Recherche: Dr. Babett Bolle


Fußnoten
1 Martin Luther, deutscher Reformator und Theologe, geboren am 10. November 1483 in Eisleben und gestorben am 18.Februar 1546 in Eisleben.
2 Aus: Christliche/Nützliche Tischreden Doctoris Martini Lutheri, 1566, de.wikiquote.org/wiki/Martin_Luther, zuletzt geprüft am 6.3.2017
3 International Patent Classification
4 Benannt nach Thomas J. Watson, dem Vorstandsvorsitzenden von IBM bis 1956.
5 www.ibm.com/de/watson/ (zuletzt geprüft am 21.09.2017)
6 www.ibm.com/cognitive/de-de/outthink/ (zuletzt geprüft am 21.9.2017).